Verwegene Gestalten mit Bärten, mittelalterlichem Gewand und schwer beladenen Pferden – so ziehen die Grafenauer Salzsäumer seit 1976 auf historischen Handelswegen Richtung Böhmen.
Salz, das "weiße Gold", war einst ein kostbares Gut – unverzichtbar zum Würzen und Konservieren von Lebensmitteln. Aus den Salinen in Hallein, Berchtesgaden oder Reichenhall wurde es über Wasserstraßen bis Passau transportiert. Ab dort übernahmen Salzsäumer den mühsamen Landweg durch den Bayerischen Wald bis nach Böhmen. Das Wort "Saum" bedeutet Last – und diese wurde früher ausschließlich mit Pferden befördert.
Grafenau profitierte vom Salzhandel und wurde 1376 unter Kaiser Karl IV. zur Stadt erhoben – nicht zuletzt wegen des regen Handels mit Böhmen. Die Handelswege trugen klangvolle Namen: der „Goldene Steig“ nach Prachatitz und die „Gulden Straß“ nach Kasperské Hory (Bergreichenstein), die heute noch im Straßennamen „Guldenstraße“ weiterlebt.
Zur 600-Jahr-Feier der Stadterhebung im Jahr 1976 wurde die Tradition des Salzsäumens wiederbelebt. Ein historischer Säumerzug von Schärding nach Grafenau wurde ins Leben gerufen mit 30 Männern und 20 Pferden. Ausgemusterte Tragsättel der Bundeswehr kamen dabei ebenso zum Einsatz wie viel Idealismus und Ausdauer. Der erste Zug endete am 2. Juli 1976 unter großem Beifall pünktlich zum Grafenauer Volksfest. Die Begeisterung war so groß, dass seither immer am Wochenende um den 1. Samstag im August das
Historische Säumerfest mit Säumerzug, Mittelaltermarkt, Gaukeley und Narretey uvm.
gefeiert wird. Heute startet der Säumerzug meist im nahegelegenen Harschetsreuth – der lange Weg von Schärding wird jedoch immer noch zu besonderen Anlässen begangen.
Seit 1991 ist auch Kašperské Hory (Bergreichenstein) Partnerstadt von Grafenau – und auch dorthin ziehen die Säumer in Jubiläumsjahren.
Im Jubiläumsjahr 2026 ziehen die Säumer von Schärding nach Grafenau (50 Jahre Städtepartnerschaft) und weiter nach Kasperské Hory (35 Jahre Städtepartnerschaft). Mensch und Tier machen sich erneut auf beschwerliche historische Wege, um an eine lebendige und grenzüberschreitende Geschichte zu erinnern.
Der renommierte Bildhauer Joseph Michael Neustifter aus Eggenfelden hat im Jahr 1988 einen Säumerbrunnen gestaltet,
den ein wohlbeleibter Säumer mit Pferd aus Bronze ziert und dessen Inschrift an die Geschichte des Salzhandels erinnert:
Der Brunnen zeugt von alter Zeit als vieles noch im Dunkeln lag.
Die Last, das Salz, ward tragen weit mit Schweiß, mit Müh und mit viel Plag.
Von Schärding kommend zogen sie mit Roß und Wagen ein.
Der Stadtplatz hier in Grafenau mocht ´für sie Rastplatz sein.
Sie brachten Wohlstand zu uns her vor vielen hundert Jahren
und diese Stadt gäb´s heute nicht wär´n sie nicht durchgefahren.
Salzsäumer wurden sie genannt gar schwer war ihre Fracht
sie zogen tief ins Böhmerland wohin sie weißes Gold gebracht.
Wir wollen uns an sie erinnern mit diesem Brunnen hier
was einst der Mensch ertragen mußte zusammen mit dem Tier.